Über uns

Als mein Papa im Jahr 2015 schwer krank wurde, stellte ich fest, wie schnell das Leben vorbei sein kann und wie wichtig es ist jeden Tag, jede Minute und jeden Moment zu genießen und dankbar für die Zeit zu sein, die man hat. Einige Träume und Wünsche gehen im Alltag verloren, werden verschoben oder verdrängt. "Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt", "Später mache ich das einmal"... Ihr kennt das sicher auch. Aber irgendwann gibt es kein "Später" mehr. 

Bewusst im Hier und Jetzt leben, das will ich lernen.

Ich hatte lange die heimliche, verrückte Idee im Kopf einmal mit einem Esel wandern zu gehen. Ein Jahr nach dem Tod von meinem Papa, habe ich begonnen, mir diesen, etwas seltsamen Wunsch zu erfüllen. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", dachte ich. Damals ahnte ich noch nicht, was mir dieser kleine Kerl, namens Jonny,  bedeuten - und wie viel er mir geben würde.


Im April 2017 beschloss ich schließlich mir einen Esel zu kaufen um mit ihm wandern zu gehen. Zuerst habe ich mir viele Fachbücher bestellt und diese verschlungen, um mich so gut wie möglich vorzubereiten.  Ich las über die Haltung, die Herkunft, das Verhalten und die Erziehung von Eseln. Ich knüpfte Kontakte zu anderen Eselhaltern, die mir ihre Hilfe anboten. Über ebay-Kleinanzeigen suchte ich einen Einstellplatz und wurde schnell fündig. Der eselwandern.bayern Hof von Markus und seinem Vater war perfekt geeignet. Nun ging es an die Suche nach einem passenden Langohrkumpel und Weggefährten. Nach einigen Anläufen und mehreren Besuchen bei Eselverkäufern, lief mir per Zufall Jonny über den Weg. Es war Liebe auf den ersten Blick und eine Woche später war Jonny bei mir. 

Seit einigen Monaten trainieren wir nun und wandern mehrere Stunden am Stück. Jonny ist der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Ich bin mir sicher, dass auch er gespannt darauf ist, wo die Reise hin geht und wie weit wir kommen werden. 



Fragen, die mir schon oft gestellt wurden: 


Von wo bis wo geht die Reise und wie lange seit ihr unterwegs?

Zu Beginn unserer Reise, konnte ich diese Frage noch nicht genau beantworten. Jetzt kann ich mehr dazu schreiben: 
Wir sind am 9.Juli in Percha bei Starnberg losgezogen. Unser Weg führte uns über Garmisch Partenkirchen, den Fernpass, Imst, Landeck, den Reschenpass, Meran, Bozen, Trento, Caldonazzo, Bassano del Grappe und Padua ans Meer bei Chioggia. Auf dem Campingplatz Oasi durften wir eine Woche rasten und wurden von dort von meiner Familie mit dem Pferdeanhänger abgeholt und zurück nach München gebracht. Insgesammt waren wir genau 80 Tage unterwegs – ca. 600km. Davon sind wir 46 Tage gewandert – immer 10-15km am Tag. Ich wollte es ruhig angehen, die Orte an denen wir waren genießen und v.a. Jonny nicht überlasten. Wir wollten keinen Rekord aufstellen sondern einfach nur die Zeit genießen. Nach 15 km und ca. 5-6 Std. laufen waren wir Beide meist echt platt. Da Jonny ein recht kleiner Esel ist 111 Stockmaß, läuft er langsamer, als ich alleine laufen würde. An seine Geschwindigkeit passte ich mich also an. So hatte ich mehr Zeit mir die Natur und die tolle Berglandschaft anzuschauen. 


Warum ein Esel?
Ich bin begeistert von diesen tollen Tieren und ich finde es so schade, dass sie oft so missverstanden werden. „Du sturer Esel“, wird ja oft gesagt. Dabei sind Esel nicht mehr oder weniger stur als andere Tiere und wir Menschen auch. Sie denken nur selbst mit und lassen sich nicht blind vom Menschen abrichten. Sie wägen die Situationen ab und schätzen sie für sich selbst ein. Dafür haben viele Menschen oft weder Geduld noch Einfühlungsvermögen, dabei ist alles was wir machen müssen, diesen Tieren zuzuhören.
Ich hatte irgendwie das Bauchgefühl, dass ein Esel das richtige Tier für mich ist. Ich bin eine eher quirlige Person, die selten still sitzen kann. Mein Jonny hat eher ein sehr ruhiges Gemüt und ist von nichts so schnell aus der Ruhe zu bringen. Andere Menschen machen Yoga oder meditieren. Ich fahre zu Jonny und gehe mit ihm im Wald spazieren. Außerdem hat er mir auf der Reise geholfen zu lernen im „Hier und Jetzt“ zu sein. Ich konnte nichts planen, weil ich nie wusste ob Jonny heute schnell oder langsam laufen möchte. Auch wenn ein Gewitter aufzog und ich eigentlich einen Gang zu gelegt hätte, trottete Jonny gemütlich wie immer neben mir her. So lerne ich auch Gelassenheit. Es war toll einen solchen Begleiter dabei zu haben. Das hatte ich wohl vorher schon im Bauchgefühl. 

Was ist so besonders an Jonny? 


Zeit mit Jonny zu verbringen ist "echt". Zeit in der Natur zu verbringen ist "echt". Seine Liebe ist bedingungslos (solange ich sie ihm zurück gebe) und ich brauche mich nicht zu verstellen. Die Tierliebhaber unter Euch verstehen sicher, was ich damit meine. 

Als ich ihn besuchte, um ihn kennen zu lernen, war es Liebe auf den ersten Blick. Ich habe ihn von der Weide geholt und wir sind ein paar Meter miteinander gegangen. Er lief so brav neben mir her, als hätte er nie etwas anderes gemacht und bliebt stehen, wenn ich stehen blieb. Ich musste nichts sagen. Er war so aufmerksam und treuherzig, dass ich ihn gleich in mein Herz schloss. 

Durch unsere vielen Spaziergänge durch den Wald, habe ich einen kleinen Teil von meinem Papa zurück, der in einer Urne unter einem Baum im Wald beigesetzt wurde. 


Warum alleine mit Esel und ohne menschliche Begleitung?

Ich wollte ganz bei mir sein und den Weg in der Natur genießen. Wenn ich ständig Jemanden an seiner Seite habe, bin ich nicht frei im Kopf. Ich muss Kompromisse eingehen und stelle die Bedürfnisse des anderen vor meine eigenen. Ich wollte aber ganz auf meine Gefühle und auf meine innere Stimme hören können. Wenn ich alleine bin, bin ich offener für die Dinge, die der Weg bereit hält und nicht fixiert und abhängig von einer anderen Person. Ich finde es ist eine Gabe alleine sein zu können. Ich genieße das. Ich genieße es singen und tanzen und lachen und weinen zu können, ohne dass es Jemand anderes mitbekommt und sich ein Urteil darüber bildet. Das ist echte Freiheit.
Außerdem wollte ich auch lernen alleine im dunklen draußen keine Angst haben zu müssen, denn es gab Zeiten, da habe ich mich alleine Nachts in meiner eigenen Wohnung gefürchtet.
Und ganz alleine war ich ja nicht. Ich hatte den besten Langohrkumpel dabei, den man sich nur wünschen kann.

Wie haben die Menschen auf Euch reagiert?

„Oh, schau ma, ein Esel!“, „Wow, ein Esel!“, „Darf ich ein Photo machen?“, „Darf ich mal streicheln?“.
„Wanderst Du ganz alleine?“ - Ich:“Nein, mit Jonny.“
Die Reaktionen waren sehr positiv. Wir konnten kaum ein Dorf durchqueren, in dem Jonny nicht zur Photoattraktion wurde. Das war sehr schön, aber manchmal auch ein bisschen anstrengend. Mit so viel Interesse der Menschen uns gegenüber hatte ich gar nicht gerechnet. Ich glaubte, dass wir nun drei Monate ganz alleine seien. Aber es verging kaum ein Tag in dem wir keine zumindest kurze Konversation mit fremden Menschen hatten. Sie wunken uns aus den Häusern und vorbei fahrenden Autos zu oder luden uns zum Kaffee ein. Viele nannten mich auch „Pippi Langsturmpf“ oder summten im vorbei gehen den Pippi Langstrumpf Song.
Vereinzelte Male kam es vor, dass Jemand meinte: „Der arme Esel“. Dann habe ich erklärt, wie fitt und freudig Jonny seit der Reise ist. Wir tragen beide 20% unseres eigenen Körpergewichts, damit es auch fair ist. Das ist für einen Esel absolut kein Problem. Ich tage 10kg und Jonny 30kg.

Durch die offene und freundliche Art der Menschen, hatten wir auch nie ein Problem einen Schlafplatz zu finden. Wir schliefen auf Feldern von Bauern, auf Pferde- oder Eselhöfen, mitten in der Pampa im Nirgendwo oder in privaten Gärten von Familien. Eben, was sich so ergab, als wir müde wurden. Den Kuhstall, den ich mir nicht nur mit Jonny, sondern auch mit Kühen, Mäusen und Spinnen teilte und einen Hühner- und Gänsestall ließen wir auch nicht aus.

Gab es besondere Momente auf Deiner Reise, die Du niemals vergessen wirst?
Puh, ja da gab es so Einige. Einmal durfte Jonny bei einer Familie, bei der ich übernachtete, mit ins Haus. Neugierig stolzierte er, wie der kleine Onkel von Pippi Langstrumpf, durch Wohnzimmer und Küche.
Einmal durften wir bei einer Familie am Kalterer See zwei Nächte verbringen. Jonny war das Highlight für die zehn Kinder der großen Familie und wir hatten einen privaten Steg direkt am See. Der volle Luxus.
Wir sind auch an einer Wildnissschule vorbei gelaufen. Dies endete so, dass wir eine Woche bleiben und ich dort mitarbeiten durfte. Jetzt möchte ich dort eine Ausbildung zur Wildnisstrainerin machen.
Ein anderes Mal habe ich mit Jonny in einer art rießen Freiluft Hühnerstall übernachtet. Habt ihr schon einmal versucht Euch zu waschen, währnend Ihr mitten in der Hühnersch* standet?
Ich musste auch Jonny öfter mal beschützen. Hauptsächlich vor Hunden aber einmal auch vor einem wild gewordenen Eselhengst. Das war echt gefährlich, ist aber zum Glück gut gegangen.
Oft hatte ich Jonny auch unterschätzt. Zum Beispiel gabe es Passagen am Reschenpass von denen ich mir nicht sicher war, ob Jonny das schaffen würde. Es war so eng und steil und echt gefährlich. Doch während ich Jonny oben stehen lies und mich zuerst alleine vorsichtig den steilen Abhang hinunter tastete, folgte er mir ganz selbstständig und bewies mir, dass ich mir keine Sorgen machen brauchte und mein kleiner Esel mehr drauf hatte, als ich glaubte.
Ein weiteres Erlebnis war, als Jonny in der Nacht stiften ging (ich hatte den Strom am Zaun nicht an gemacht) und alleine durch die Straße wanderte. Die Italienische Frau, bei der wir übernachteten, lief zu meinem Zelt und rüttelte daran: „Lotta, Jonny escapate! Jonny escapate!“, rief sie. Ein paar Häuser weiter fanden wir Jonny in einem Vorhof einer älteren Ehepärchens, die im Pyjama vor ihrem Haus standen, Jonny streichelten und vergnügt Photos knipsten.

Was mich aber am meisten freute, waren die vielen kleinen Dinge, die auf der Reise passierten. Oft passierten sie, wenn ich gerade total am Ende mit meiner Kraft war und mich fragte, warum ich mir das eigentlich antat. Auf einmal kam eine Omi über die Straße und schenkte mir frisch gebackenen Kuchen und Jonny Möhren oder eine Mutti verfolgte uns mit dem Auto, damit ihre kranke Tochter einmal einen Esel streichen konnte. Die strahlenden Gesichter, die Jonny und ich einfach nur durch unser Dasein zaubern konnten, waren alleine schon die Reise wert.

Ein ganz besonderer Moment war, kurz bevor wir das Meer erreichten, das wir uns während der Reise als Ziel gesetzt hatten. Nur wenige 100 Meter vorher hielt ein Mann mit seinem Auto an, ging auf Jonny und mich zu und fragte ob er mich einmal umarmen dürfte. Er nahm mich ganz innig und lange in den Arm und verschwand dann wieder ohne ein Wort zu sagen. Er hatte eine ähnliche Statur, wie mein Papa. Es kam mir fast so vor, als hätte mein Papa jemanden geschickt um mich zu beglückwünschen, dass ich meine Traum in die Tat umgesetzt und tatsächlich das Meer erreicht hatte. Mir kamen vor Freude die Tränen.

Ist Jonny manchmal stur?
Nein, nie. Jonny bliebt natürlich auch manchmal stehen, aber dann hatte das immer einen Grund. Meine Aufgabe war es dann anstatt ihn genervt hinter mir her zu ziehen, den Grund heraus zu finden. Es konnte sein, dass er sich vor etwas fürchtete, ihm etwas ungeheuer war, er etwas interessant fand und genauer beobachten wollte oder dass der Packsattel nicht richtig saß. Einmal blieb er stehen und ich konnte ihn keinen Meter mehr von der Stelle bewegen. Da bemerkte ich, dass er seinen hinteren rechten Schuh verloren hatte. Er klemmte einen Meter dahinter in einer Abwasserrinne fest. Da musste ich ihn gleich einmal loben und mich entschuldigen.

Wie ist das mit dem Fressen für Jonny?
Ich habe immer einen Übernachtungsplatz gesucht, wo Jonny in Ruhe grasen kann. Außerdem hatten wir einen großen Sack Heu dabei. Dieser reichte für 2-3 Tage. Innerhalb dieser Zeit fand ich immer einen Bauern oder einen Pferdehof, wo wir den Sack wieder füllen konnten.

Wie kommt ihr zurück?

Mein Onkel hatte sich Ende September Urlaub genommen und kam mit dem Pferdehänger, um uns abzuholen. Weil meine Familie so begeistert war, wurde er von meinem Mama, meine Oma und meinem Freund begleitet. In einer zwei Tages Etappe fuhren wir zurück nach München.

Vermisst du keinen Komfort?
Nur selten. Am meisten habe ich eine Dusche vermisst. Es hätte nicht einmal eine warme Dusche sein müssen. Nur irgendeine Dusche. Nach einem langen und schwitzigen Wandertag, ist das das angenehmste, was mir passieren konnte. Ab und zu habe ich mich auch nach einem Bett oder einem vollen Kühlschrank gesehnt. Aber es ist doch um so schöner Dinge zu vermissen, die man dann danach umso mehr wertschätzen kann.


Glaubst du diese Reise verändert dein normales Leben?

Vor meiner Reise hatte ich das gehofft. Während meiner Reise war ich mir nicht ganz sicher. Jetzt, nach meiner Reise, weiß ich: Ja. Sie hat etwas verändert. Ich habe Gelassenheit und Geduld gelernt. An jedem Tag auf unserem Weg wusste ich nicht, was hinter der nächsten Kurve liegt, ich wusste nicht wo wir wieder etwas zu Essen oder Wasser bekommen, ich wusste nicht wie weit wir laufen oder wo wir schlafen würden. Und trotzdem hat es immer funktioniert. Ich werde diese Erfahrung mit in mein Leben in München nehmen und sicherlich davon profitieren.
Außerdem ich es doch toll zu wissen, was man wirklich zum leben braucht und was alles purer Luxus ist, den wir uns gönnen. Ich habe zwar nur eine kleine Wohnung, aber ich sitze doch im puren Luxus jetzt nach fast drei Monaten im Zelt. Es ist toll diese Dinge zu sehen und auch wieder neu schätzen zu lernen. Ein Bett, ein Bad, eine warme Dusche, fließend Wasser, eine Küche und Strom.

Was passiert mit Jonny wenn ihr wieder zurück seid?

Jonny ist jetzt wieder bei seinen sieben Eselkumpeln auf dem Eselwandern.bayern Hof, der nur 12km von meinem Zuhause weg ist. Wir sehen uns regelmäßig, trainieren Parcours oder gehen spazieren. 






Unsere Reise 

Im Juli 2018 sind wir in Starnberg bei München aufgebrochen Richtung Süden.